Seit wann gibt es eigentlich Taschen fürs Fahrrad? Eine kurze Geschichte der Fahrradtaschen

Vor genau 200 Jahren, im Jahr 1817, entwickelte der Mannheimer Erfinder Karl Freiherr von Drais die erste Laufmaschine, auch bekannt als Draisine. Die Draisine gilt als Vorgänger des Fahrrades, wie wir es heute kennen. Die Draisine ist das erste Fahrzeug, bei dem zwei Räder hintereinander laufen. Durch abwechselndes Abstoßen vom Boden mit den Füßen bewegte man sich vorwärts.

DraisineOb die erste Draisine bereits mit Fahrradtaschen ausgestattet war oder nicht, lässt sich heute leider nicht mehr rekonstruieren. Denn auch wenn die oben dargestellte Abbildung den Plänen Drais‘ entsprechen dürfte, so wurden die Fahrradtaschen in der Abbildung erst später hinzugefügt (daher ist es kein Wunder, dass die Tasche wie eine heutige Herrenfahrradtasche aussieht). Trotzdem kann man davon ausgehen, dass mit der Erfindung des ersten Fahrrads vor genau 200 Jahren die ersten Fahrradtaschen bereits mitgedacht wurden.

Jahre später, ab den 1860er Jahren bis zur Jahrhundertwende, wurden weite Teile der damaligen Welt „fahrradverrückt“ und das erste Fahrrad mit Pedalen – das Velociped – wurde erfunden (Wissenschaftler streiten sich bis heute darüber, wer dessen Erfinder war – der Franzose Pierre Lallement, der 1865 ein Patent in den USA anmeldete, oder der Franzose Pierre Michaux, der die Erfindung des Velociped ebenfalls für sich deklariert).

In den 1870er Jahren gewann das Hochrad mit immer größer werdenden Vorderrädern an Bedeutung. Durch das große Vorderrad war eine schnellere Fortbewegung als zuvor möglich. In dieser Zeit wurden zum ersten mal längere Touren auf dem Fahrrad unternommen und daher dürfte auch die Möglichkeit, seine Habseligkeiten in Fahrradtaschen transportieren zu können, an Bedeutung gewonnen haben.

So entwickelte der Amerikaner John B. Wood aus Camden, New Jersey die ersten patentierten Satteltaschen für die damaligen Hochräder. Die doppelten Fahrradtaschen wurden hinter dem Sattel angebracht und waren Gepäckträgertaschen, die den heutigen doppelten Fahrradtaschen stark ähneln. Am 3. Juni 1884 ließ sich Wood diese Taschen vom amerikanischen Patentamt patentieren. Über das Vorderrad sollten die beiden Taschen, die in der Mitte durch ein Lederband verbunden waren, gehängt werden, sodass sie zu beiden Seite des Fahrrads hingen. Die Taschen waren so gefertigt, dass sie das Auf- und Absteigen auf „die Maschine“ nicht behindern sollten. Wood schlug vor, die Fahrradtaschen aus Leder, Segeltuch/Canvas und anderen Materialien zu fertigen und auf der Rückseite durch eine Lederplatte zu verstärken, um das Ausbeulen der Tasche zu verhindern.

Satteltaschen-von-Wood
Zur selben Zeit wurden neben den Wochenendausflügen zu Fahrrad längere Radtouren immer beliebter. 1884, im selben Jahr wie Woods Satteltaschenerfindung, unternahm Thomas Stevens die erste Radtour um den Globus. Der in die USA emigrierte Stevens startete von San Francisco aus mit seinem Hochrad und nahm nur da das Schiff, wo es unabdingbar war. Ansonsten radelte er durch England, Zentraleuropa, den Nahen Osten, Indien, Südostchina und Japan. Fahrradtaschen dürfte seine ständigen Begleiter gewesen sein.

Frühe Fotografien verdeutlichen, dass Ende des 19. Jahrhunderts (selbstgenähte) Lenkertaschen, Satteltaschen und Gepäckträgertaschen für Fahrräder in häufigem Einsatz waren. Jedoch wurden auch oft Koffer und Taschen an den Fahrrädern befestigt, etwa mit Lederriemen.

Mit der Erfindung des modernen Automobils durch Carl Benz im Jahr 1886 wurde die Benutzung der Fahrräder mehr und mehr zurückgedrängt. Sowohl als Freizeitbeschäftigung als auch für längere Touren gewann das Auto gegenüber dem Fahrrad an Bedeutung. Somit kam auch die Entwicklung aller Accessoires, die mit dem Fahrrad zu tun haben – auch die der Fahrradtaschen – zum Stillstand.
Erst achtzig Jahre später, in den 1970er Jahren, kehrte das Fahrrad langsam als ernstzunehmendes Verkehrsmittel zurück. Der Amerikaner Hartley Alley gilt als Erfinder der modernen Fahrradtaschen. Mit seiner „Combination Pannier Bag, Valise and Back Pack“ erkannte er den Bedarf an einer Fahrradtasche, die auch unabhängig vom Fahrrad verwendet werden konnte. Seine 1974 patentierten, doppelten Fahrradtaschen verfügten über einen Griff und ließen sich zu einem, heute etwas klobig wirkenden, Koffer zusammenfügen. Auch konnte man die Taschen als Rucksack tragen, was insbesondere bei Fahrten durch unebenes Gelände bedeutsam werden sollte.

Das Fahrrad hat eine lange Tradition und mit ihm wurden Fahrradtaschen immer auch weiterentwickelt und verbreitet. Leider gibt es sehr wenige Quellen, die über die Entwicklung der Fahrradtaschen berichten, hauptsächlich zeugen Fotos von ihrer Präsenz. Da das Fahrrad jedoch lange vor allem als Freizeit- oder Tourenfahrzeug Verwendung fand, wurden in der Vergangenheit kaum Taschen entwickelt, die man als Alltagstaschen unabhängig von der Fahrradfahrt verwenden konnte. Diese geschichtliche Herkunft zeigt sich auch heute noch an den Fahrradtaschen von Ortlieb. Ob es auch stilvolle Alltagsfahrradtaschen gab, das können wir heute leider nicht mehr zurückverfolgen.

Quellen (in der Reihenfolge ihrer Erscheinung):
Wilson (2004/1928): Bicycling Science, Third Edition.
United States Patent Office (1884): Saddle-Bags For Bicycles. John B. Wood.
Frank Lenz, o. T., o. J.
United States Patent Office (1974): Combination Pannier Bag, Valise and Back Pack, Hartley Alley.